Rathaus Immenstaad

Eröffnung der Ausstellung von Frau Ingrid Schmidt (München)
am 6. Dezember 1996 im Rathaus Immenstaad/Bodensee
Laudator: Gerhard Langkau, Immenstaad

In unserer Zeit über Kunst zu reflektieren, ist sicherlich gewagt. Trotzdem möchte ich anlässlich der heute beginnenden Ausstellung von Frau Ingrid Schmidt versuchen, die Kunstszene zu beleuchten, ihre Wesenszüge zu erhellen.

In einer Tageszeitung, die einen Vortrag über den Stellenwert der Kunst ankündigte, las ich unter der Überschrift "Ist das noch Kunst?" folgende interessante Aussage: "Wenn Künstler heute mit Farbe umgehen, sind nicht immer Gemälde das Ergebnis Ihres Tuns". Dieser Vorstellung schlossen sich dann die Fragen an:

Was aber ist dann Kunst?
Woran erkennt man, was Kunst ist?
Wie lässt sich Kunst da noch beurteilen?

Ich kenne die Antworten nicht, die Prof. Damus auf diese Fragen gegeben hat. Ich habe nach eigenen Antworten gesucht und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass Kunst ein Teil unseres Lebens ist, ganz gleich auf welcher Seite man steht als derjenige, der Kunstwerke schafft, oder als der, der sich als Betrachter oder Besitzer daran erfreut. Kunst steht jedoch nicht isoliert da. Sie wird geprägt vom Zeitgeist, dem sich auch der Künstler nicht entziehen kann, von den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Menschen, die ihnen ihre Zeit offeriert.

Für die Malerei, einem Kernstück der Bildenden Kunst, erwächst daraus die Aufgabe, neue Formen zu suchen, um den veränderten Weltgehalt aufzufangen und wiederzugeben. Das abbildliche Darstellen ist längst nicht mehr das zentrale Anliegen, wie die vielen Strömungen der Malerei in unserem Jahrhundert zeigen.  Umso mehr ist die Frage berechtigt nach den Perspektiven der Kunst: Ist sie nur noch ein Reizmittel, über die sich der Mensch hinwegzuändern versucht? Die Vertreter der modernen Malerei, wie z.B. Paul Klee, die sich vom Gegenständlichen befreiten, bereiteten die Weg für die "absolute Malerei" vor, damit Farben und Formen ihr wahres Wesen entfalten können und zum Ausdrucksinstrument seelischer Empfindungen werden. Sein Grundsatz lautete: "Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht sichtbar".

Wenn mir heute die Ehre gegeben ist, über das Oeuvre von Ingrid Schmidt zu sprechen, dann möchte ich das eben unter diesem Gesichtspunkt tun. Ingrid Schmidt zählt zu den Menschen, die imstande sind Werke von künstlerischer Substanz zu schaffen, die das Talent haben, mit der Leinwand, Papier, Tusche und Farbe, mit Zeichenstift, Feder und Pinsel Erfahrenes und Erfühltes zu gestalten. Am Anfang ihres künstlerischen Weges stand jedoch die Musik, die sie in ihren Bann zog. Doch die Malerei beschäftigte sie schon zu jener Zeit, und so entschloss sie sich eines Tages, eine Ausbildung zur Malerin zu beginnen. Stationen auf diesem Weg waren die Akademien in Köln und in Trier, die Art Academie Austria und das Centro d'Arte Verrocchio. Arrivierte Künstler waren ihre Lehrmeister wie Peter Valentine, Jos Biersack, Prof. Karlheinz Schönswetter und Prof. Gerlinde Gschwender. Den stärksten Einfluss dürfte wohl Karlheinz Schönswetter auf die künstlerische Entwicklung genommen haben. Und obwohl Ingrid Schmidt im Einklang steht mit dem künstlerischen Credo Schönswetters, hat sie ihren eigenen Weg gefunden, ihren eigenen Stil entwickelt.

Im Gegensatz zu anderen Ausstellungen, die wir hier bereits im Rathaus hatten, ist die heutige sicherlich ein Novum. Ingrid Schmidts Bilder fallen auf, zum ersten durch ihre Großformatigkeit, zum zweiten durch die fast totale Auflösung des Gegenständlichen. In einem längeren Gespräch, das ich vor der Ausstellung mit der Künstlerin führte, wurde mir das Anliegen ihrer Malerei bewusst. Nicht die detailgetreue Abbildung des Gegenständlichen ist Ihr Ziel, ihre Bilder sollen vielmehr anrühren, den Betrachter zu einer persönlichen Stellungnahme herausfordern.

Variationsreich ist das Oeuvre der Künstlerin Ingrid Schmidt. Virtuos sind ihre Aquarelle, von spielerischer Leichtigkeit, wo sie sich noch im Gegenständlichen und bewegt (z.B. Nr. 38 'Lilie', Nr. 35 'Auf dem Markt'), markant in der Aussagekraft, wenn sich das Gegenständliche auflöst, nur noch die Farbe und der autonome Raum des Bildes das gedanklich Vollzogene prägen (z.B. Nr. 12 'Erstes Grün', Nr. 13 'Wurzelwerk', Nr. 14 'Ohne Titel').

Von außergewöhnlichem Reiz und hohem Anspruch betrachte ich ihre fast ausschließlich großformatigen Bilder in Acryl und Mischtechnik. In ihnen zeigt sich das eigentliche Anliegen ihres künstlerischen Tuns. Es geht ihr nicht um die Darstellung von Realitäten, sondern um die Thematisierung dessen, was sie unter dem Begriff  "aus dem Bauch heraus malen" versteht.

Das "in sich hinein hören" ist für sie wichtig, es in Bildwerke umzusetzen, ihr Anliegen. Und so stellt sie an den Betrachter hohe Anforderungen, will ihn nicht nur als den "Betrachter" wissen, sondern erwartet von ihm einen Nachvollzug dessen, was ihrer Intension entspricht. Ich selbst konnte dieses "Nachvollziehen", mich "Hineinversetzen" in die Künstlerin erfahren, als wir am Mittwochnachmittag die Ausstellungsobjekte gemeinsam durchgingen.

Inspiriert durch die Abstufungen in der Farbintensität, die schwungvolle Pinselführung und unbewusst gesetzte Farblichter eröffneten sich mir Bildinhalte, die dem "Empfindungshorizont" der Künstlerin entsprachen. Spontan gab ich dem Bild Nr. 3 den Titel "Beratung", den Ingrid Schmidt mit "Menschen-Variationen in Blau" benannt hatte. Von ungewöhnlicher Art auch die Bilder mit dem Titel "Wandelbare Kunst". Dreht man diese um 90 oder 180 Grad, erschließen sich dem Betrachter ganz neue Dimensionen.

Ingrid Schmidt arbeitet mit Leidenschaftlichkeit , viele Stunden lang und ohne Unterbrechung. Die Malerei vereinnahmt sie ganz, gibt sie erst wieder frei, wenn das Werk vollkommen ist. Oft legt sie mehrere Farbschichten übereinander, arbeitet mit der Spachtel, verwischt und kratzt in den pastosen Farbauftrag hinein. Ihre Bilder in Acryl und Mischtechnik sind von Spuren gezeichnet, Spuren, die Zechen der Wahrnehmung und deren Verinnerlichung sind.

Die Suche nach der eigenen "inneren Notwendigkeit" ist auch der große Spannungsbogen für ihr abwechslungsreiches, sich immer fortentwickelndes Oeuvre. Zwei Kompositionen, Blaues Geheimnis I und II, gemalt mit Acryl und Pigmenten, stehen für diese Weiterentwicklung. Pigmente, der eigentlich färbende Teil der Farbe, sind in ihrer Ursprünglichkeit von faszinierender Leuchtkraft, die zu besonderer Aussage befähigen. Dass Ingrid Schmidt auch diese in ihre Malerei mit einbezieht, spricht für die enorme Kreativität der Künstlerin.

Gehen Sie deshalb auf Entdeckungsreise. Lassen Sie Ihre Phantasie spielen. Warten Sie ab, was Ihr Unterbewusstes noch zutagezubefördern bereit ist. Genießen Sie diese Entdeckungsreise in vollen Zügen. Sie werden überrascht sein, wie oft Einklang besteht zwischen Ihren Empfindungen und der Intension der Künstlerin. Der großartigen Henri Matisse, Begründer des Fauvismus, formulierte seine Ansicht über die Kunst der Malerei in dem Satz: "Was ich suche, ist der Ausdruck".

Kann es ein besseres Beispiel für diese Aussage geben als das Triptychon "Corps Rompu", in dem subjektive, leidenschaftliche Empfindung zum Äquivalent des Lichtes und eines autonomen Bildraumes werden? Ein großartiges Werk von geistiger Potenz, in dem die Erschöpften versuchen, neue Kraft zu schöpfen.

In einem Artikel über das Kunstschaffen von Ingrid Schmidt schrieb der Verfasser unter der Überschrift "Rendezvous mit der Kunst":

"Eine charmante Münchnerin, die es meisterhaft versteht, Aspekte der Wirklichkeit mit wacher Reaktion auf persönliche Empfindungen gefühlvoll und doch mit viel Temperament  umzusetzen."

Dieser zutreffenden Charakterisierung möchte ich nur noch hinzufügen: Eine Immenstaaderin, die endlich ihre Werke auch ihrer Heimatgemeinde präsentiert. Wie glücklich können wir uns alle schätzen.

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