Kino Solln, München

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Ingrid Schmidt/Kunst im Kino Solln, München
7. September 2001
Laudatorin: Ulrike Shepherd

Laudation heißt Lobrede, loben. Es klingt verschnörkelt, barock, und wie eine Wort-Antiquität aus vorigen Jahrhunderten…

…ich habe Ingrid Schmidt letzte Woche per Handy kennengelernt! Anhand ihrer Stimme und den Informationen, Portugal, Bus, Konferenz, entstanden eigene, innere Bilder, die natürlich nichts mit der Realität zu tun haben konnten. Am Anfang unserer Bekanntschaft entstand das Imaginieren.

Solche Sprünge der Ebenen durch die modernen Medien, die Erweiterung der eigenen Wahrnehmung durch sie, sind spannend zu beobachten. Deshalb ist das Ausstellungskonzept "Bild-Dimensionen", mit seiner Gegenüberstellung von Malerei und Film, ein sehr interessantes zeitgenössisches. Bei Malerei und Kino haben wir es mit zwei schon mehrmals "Totgesagten" zu tun. Doch "Todgesagte leben länger"!

Das Kino boomte damals direkt nach dieser Prognose und die Malerei erfreut sich bester Vitalität. Die Konkurrenz der klassischen Kunstformen mit den Virtuellen hat also nicht, wie gemutmaßt, zu einer Verdrängung geführt. Beispiel: Arsenale (Biennale Venedig) nach einem Überangebot von Video-Istallationen erfreut ein kleines Objekt aus Schirrlingssamen.

Die jeweiligen Qualitäten behaupten sich also miteinander, ja sie wecken sogar das Bedürfnis nach dem Anderen: beim Film, haben wir es mit flüchtigen Bildern, mit einem Bilderflut zu tun. Inder künstlichen Finsternis des Kinoraums, in der wir bewegungslos wie im Traum verharren, sehen wir projizierte Träume, an die sich die eigenen Träume ankoppeln. Es ist die Traumfabrik, die schon den Schein der Realität vermittelt. In der Malerei findet das Innehalten und Verweilen statt. Es sind Bilder von Dauer, auch in ihrer Bewegtheit. Dringlichkeit und materialisierte Seelenzustände, der individuelle Fingerabdruck. Alles Eigenschaften, die in der heutigen Zeit unverzichtbar sind.

Titel der Ausstellung von Ingrid Schmidt ist "Erinnerung. inFarbe. Indien"

Titel des von ihr ausgewählten indischen Filmes ist "Der Tanz des Windes" oder "Swara Mandal" von Rajan Khosa.

Indien. Beim Erwähnen dieses Wortes entstehe sofort Bilder, bei denen, die dort waren, erlebte Bilder, Erinnerungen,… und bei denen, die noch nicht dort waren, tauchen Bilder aus einem Bilderpool auf, Ablagerungen der medialen Vermittlung, Bilder aus einem bilderreichen Land, Bilder in Fülle und Tiefe. Die Indienreise ist die gleichzeitige Suche nach Veränderung, nach Selbstbegegnung mit offenem Ausgang. Gründe, warum auch dramatische Reiseerlebnisse nicht abhalten von Wiederholung.

Die Reise von Ingrid Schmidt war ein bewusstes Aufsuchen der Sinnlichkeit und Spiritualität Indiens. Offen den Eindrücken verarbeitete sie diese sogleich in zeichnerischen Notizen und Tagebuchaufzeichnungen. In diese episodischen Erfahrungen brachen jedoch zwei Ereignisse ein, die die Erinnerungen aus der vermittelbaren Ebene in eine körperliche Erinnerung übergeben ließen. In der Psychologie wird diese Art der Erinnerung wie folgend beschrieben: "…Erfahrungen, die sich als glühende Lavamassen in den Leib ergießen und erhärten." Solche eingeschriebenen Erfahrungen waren eine Erkrankung, ein Zusammenbruch des Körpers und der Kampf im Indischen Ozean ums Überleben. Es ist die letzte Art der Erinnerungen, die bei ihr Bild geworden sind. "Der Tanz des Windes", hier wird wird Indien nicht aus dem Blick der Reisenden gesehen, sondern Indien aus Indien heraus erzählt, der Perspektivwechsel. Der Film von 1997 ist eine heutigen Geschichte. Er ist ein leises Drama, in indische Sprache, mit wenigen Worten. In zarten, gefühlvollen Bildern werden Beziehungen geschildert, sparsam entsteht eine deicht Atmosphäre. Es ist die Geschichte einer Tochter, einer berühmten indischen Raga-Sängerin, und ihrer starken inneren Bindung zu ihrer Mutter und Lehrerin. Den Tod ihrer Mutter beschreibt sie: "… in einer Person verlor ich alles, Erde und Himmel…". Und es ist auch die Geschichte einer Frau auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, ihrer eigenen Stimme.

Ingrid Schmidt hat diesen Film bewusst zu ihren Bildern ausgesucht und fast scheinen es ihre Erinnerungen zu sein, die sie dazugestellt hat. Auch ist sie Musikerin, auch Musikerin in der Malerei, und das Hören, das in sich Hineinhören ist ihre Methode, Farbklänge kingen in ihren Bildern. Sie malt in Zyklen und Epochen, ihre Serien breiten sich aus wie Musikstücke.

Sie stehen nun direkt vor den Bildern, die direkt im Anschluss an ihre Reise entstanden sind, aus dem unmittelbaren Eindruck. Nachdem ich diese Arbeiten im Atelier kennengelernt habe, waren auf der Rückfahrt die Wolken des Abendhimmels um so plastischer. Gelb und blau dominieren die Gemälde, Licht und Finsternis, es sind elementare Bild-Schöpfungen, Gelb, die Substanz Indiens…Aquarell aus Curry…

Mit diesen Hinweisen für die eigene Wahrnehmung, möchte ich ihnen nun Freude am Beobachten wünschen, an dem Miteinander der Medien, den Sprüngen und Übersprüngen dem Energetischen, welches zwischen Verschiedenem entsteht, und Freude an dem Energetischen, was auch die Bilder beherrscht.

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Hintergrundbild