Finanzamt Friedrichshafen

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Ingrid Schmidt
6. April 2006 im Finanzamt Friedrichshafen/Bodensee
Laudatorin: Margarita Kaufmann, Kultur- und Sozialbürgermeisterin

Liebe Frau Schmidt,

sehr geehrter Herr Reiter, Herr Wolfsturm, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

ganz herzlich möchte ich Sie heute Abend sozusagen exterritorial im Finanzamt Friedrichshafen begrüßen und Sie zu dieser Vernissage willkommen heißen.

Nun weiß ich ja leider gar nicht, wie Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren, die Tatsache werten, daß ich als Kultur-und Sozialbürgermeisterin ausgerechnet im Tempel der Finanzen eine Ausstellung eröffne. Da werden Sie sich zugegebenermaßen mit Recht fragen, ja hat denn die Frau Bürgermeisterin nicht genug Arbeit in ihrem Rathaus?

Doch, Arbeit hätte ich schon genug, aber für Premieren bin ich immer zu haben - zumal für eine in einem Finanzamt. Und da ich Ingrid Schmidt ja zugeben musste, dass ich das Finanzamt - auch das neue - eigentlich nur postalisch kenne - wer kennt es nicht - lag es nahe, endlich die Domesfenster zu begutachten und gleichzeitig Ingrid Schmidts erste Ausstellung im Finanzamt zu eröffnen.

Premiere also für die Laudatorin und die Künstlerin, die Ihnen in dieser Ausstellung einen Einblick in ihr umfangreiches künstlerisches Werk gibt, das an Ausdruck, Vielfalt und kreativer Kraft seinesgleichen sucht.

"Wie mischen Sie eigentlich Ihre Farben?", wurde einmal ein Maler gefragt. "Mit dem Kopf," gab er zur Antwort. Wenn Ingrid Schmidt ihre Farben mischt, mischt der Kopf mit, - aber die Führung des Pinsels hat der Bauch inne.

"Ich male aus dem Bauch heraus," sagt Ingrid Schmidt, "aber das funktioniert nur, wenn man zuvor das notwendige Wissen im Kopf hat." Ingrid Schmidt hat viel im Kopf, darum kann sie sich auch auf ihren Bauch verlassen.

Ein langer zunächst musikalischer und dann künstlerischer Ausbildungsweg hat der Malerin die Richtung gezeigt, in der ihre offensichtlich unerschöpfliche Kreativität ihren Ausdruck finden konnte. Die in Immenstaad aufgewachsene Schwäbin aus Hechingen hat schon als Kind nach der Sprache gesucht, die ohne Worte auskommt. Musizieren und Zeichnen, Musik hören und Farben mischen waren ihre Wegbegleiter, auch wenn sie zunächst den Lebensweg einschlug, der bis heute in vielen Köpfen als typisch Frau gilt: eine bodenständige Ausbildung, Heirat, zwei Kinder, Haushalt.

Und dann kommt lange nichts. Mindestens so lange, bis sich der Wunsch nach einem Ausdruck für die eigene Kreativität nicht mehr zurückhalten ließ.

Ingrid Schmidt wusste immer, dass ihr anderes Leben mit Musik,Farben und Formen komponiert sein würde. Ihre Leidenschaft und ihre Zielstrebigkeit haben sie eine Ausbildung zur musikalischen Früherzieherin machen und eine begeisterte Lehrerin an der Häfler Musikschule werden lassen. Und eben diese Eigenschaften ließen sie schließlich dorthin kommen, wo sie bis heute ist: in der Kunst. Wobei natürlich klar ist: Leidenschaft und Zielstrebigkeit reichen bei weitem nicht, um aus dem Pinsel die Form und aus der Palette die Farbe zu holen.

Ingrid Schmidt verfügt über das, was man gemeinhin Begabung nennt. Denn wer sich an die schwierigste Technik der Malerei traut, das Aquarellieren, der hat in der Hand und im Kopf, was ein Maler notwenig braucht: Neben technischem Können eine innere Vorstellung oder zumindest Ahnung von dem, was auf das Papier kommen soll.

Auf ihrem langen kreativen Weg hat sich die Künstlerin inzwischen ganz von der Figuration ab und der Abstraktion zugewandt, die ihr die Freiheit lässt, die ihre leidenschaftliche Malerei braucht. Die Freiheit, die inneren Bilder nach außen zu holen. Ihnen Farben und Formen zu geben, ohne sie in die Figürlichkeit zu zwingen. Ingrid Schmidt schließt sie nicht aus, die Alussionen an die Chiffren der gegenständlichen Welt. Aber der Pinsel lässt sich die Führung nicht nehmen, auf jeden Fall nicht vom Kopf, allenfalls von dem, was man künstlerische Intuition nennt.

Und die Farben? Wenn Ingrid Schmidt malt, entstehen die Farben beim Entstehen. Wenn Ingrid Schmidt malt, geben erst die Ölfarben -mitunter auch die Acrylfarben - und die Pigmente Antwort auf die Frage nach der Farbe und der Form. Doch zuerst ist die Leinwand leer, erbarmungslos weiß und groß. Der Künstler und die leere Leinwand und seine Einsamkeit: Was als Klischee in unseren Köpfen sitzt, ist die schiere Notwendigkeit der Bildwerdung. Auch für Ingrid Schmidt: Stunden der Einsamkeit und der Meditation auf dem dreibeinigen Schemel vor der metergroßen, leeren Leinwand. Ringsum nichts, was ablenkt, außer Farben und Töpfe und Pinsel, und stapelweise Skizzenbücher: feinsäuberlich gebunden, beschriftet und wie vom Buchbinder gestaltet.

Ingrid Schnmidt ist Ästhetin durch und durch, doch modischen Schnickschnack und Dekoration braucht sie nicht, dazu gehen die inneren Tiefen zu tief hinab und die emotionalen Höhen zu sehr ins wirkliche Licht. Licht ist denn auch eine wichtige Chiffre in der Malerei der Ingrid Schmidt, die in ihren großzügigen Atelierräumen im Fallenbrunnen mit Licht und Schatten spielt - wie das Leben? Einem Spiel gleicht denn auch das spontane Mischen der Farbpigmente und das rasche Aufbringen der flüssigen Ölfarben, ein Spiel mit der Zeit und mit den Bildern im Kopf, wobei die Regeln dieses Spiels bis zur Signatur nicht festliegen.

Da ist zum einen eine tiefe Kenntnis der Eigenschaften der zu verwendenden Materialien. Zum anderen Vertrauen in die eigene Fähigkeit, aus den Bildern im Kopf und den Schwingungen im Herzen ein Gemälde zu machen, das sich zur weiteren Gestaltung anbietet. Ingrid Schmidt liebt die Schichtung der Farbe, sie liebt ungewöhnliche Formen, -ungewöhnliche Formate übrigens auch - und unerwartete Kompositionen. Was auf den ersten Blick nicht zusammengehört - Ölfarben mit Gold komponiert, mit Sand verdickt, wird auf der Leinwand durch die Hand der Malerin zu einem Gemälde, farbig, lebendig und tief zum Versinken.

Und Ingrid Schmidt weiß, welche Prozesse ein Gemälde durchlaufen muss, bis der Betrachter die Freiheit genießen kann, selbst zu sehen, zu entdecken und zu phantasieren auf der Folie dessen, was der Künstler gemacht hat. Ingrid Schmidt nutzt die Vielschichtigkeit des gestalterischen Prozesses und die ihr eigene Vielseitigkeit des künstlerischen Ausdrucks.

Schließlich ist alles, was sie je beruflich und künstlerisch umgetrieben hat, in ihr und spricht aus ihren Arbeiten. Und das ist eine ganze Menge: Die kreative Gestalterin, die farbenerfindende Aquarell-Malerin) die Zeichnerin von Kindheit an. Und Zeichnerin die ist sie heute noch: Mit schnellem, sicherem Strich kommt auf das Papier, was sie ins Auge gefasst hat, mit wenigen Farben tiefegebend koloriert.

Wohl dem, der seine Reise in solche Bilder fassen kann, Bilder von Begegnungen, Gesichter von Menschen, von Landschaften, Topographien der Erinnerung für immer aufs indische Papier gebracht. Wer die Chance hat, in ihrem Atelier zu sitzen, und in den Skizzenbüchern zu blättern, begreift, dass immer schon Bilder sprachen, als wir noch nach Worten rangen.

Alles ist Ingrid Schmidt und doch ist sie vor allem eines: Entdeckerin ihrer eigenen Kreativität und des genussvollen Spiels mit Farben und Formen. Ingrid Schmidt hat die Tür nach innen geöffnet, um innere Ruhe und Unruhe nach außen zu holen: In den Bildern der Ingrid Schmdit spiegelt sich der Weg der Annäherung an das Leben, an das eigene Leben und an das umgebende, das innere und das äußere. Die Künstlerin weiß, daß sie einfach malen muß, immer weiter, immer suchend, immer in Bewegung, als gälte es, zur innersten aller inneren Quellen vorzudringen, als sei dort, wo das Bild entsteht, der Schlüssel zu einer anderen Wirklichkeit, die indes keine andere ist als die der eigenen sichtbar gewordenen Gedanken und Gefühle.

Aber eben darin besteht die Kunst, die wir hier bestaunen: Woher kommt diese Malwut? Woher kommen die kräftigen Striche gegen den Strich? Dort, wo auf einer großformatigen Leinwand sich Farben austoben und unwidersprochen zu Formen werden, da hat die Malerin in die eigene Tiefe geschaut. Farben aus der Tiefe des Künstlerkastens. Transparenz und Flächigkeit, Tiefe im Hellen und im Dunklen, leuchtende, selbstbewußte Farbschichtungen, suchende Übermalungen, stürmische Bewegungen:

Ich lade Sie ein, lassen Sie sich ein auf das Sehen und Entdecken der Bilder der Ingrid Schmidt. Sie werden sehen, die Türe tut sich auf, die Farben und Formen holen Sie ein - unwiderstehlichen und plötzlich sind Sie mitten drin - auch wenn Sie dort heute Abend gar nicht hinwollten, in Ihren eigenen Empfindung. Ihrer eigenen Phantasie wollten Sie heute Abend vielleicht gar nicht begegnen, aber da haben Sie die Rechnung ohne den Wirt bzw. das Finanzamt und Ingrid Schmidt gemacht, denn diese - die Phantasie - ist immer dabei, auch wenn Sie sie nicht ausdrücklich einladen. Aber das weiß Ingrid Schmidt, nicht zuletzt deshalb hat ihre Kunst schon viele Liebhaber gefunden, ob am Bodensee, in München, oder in Italien.

Vielleicht werden Sie heute Abend ja auch zu einem Liebhaber dieser Kunst,die wie alle Kunst nach dem Bonmot des Amerikanischen Konzeptkünstlers Les Levine wertvolle Zeitverschwendung ist. Und damit Sie mehr Zeit für diese wertvolle Zeitverschwendung haben, werde ich Ihnen nicht länger im Weg stehen und die Ausstellung hiermit eröffnen!

Vielen Dank

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