Bayrische Vereinsbank

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Ingrid Schmidt
3. März 1994 in der Bayrischen Vereinsbank Kardinal-Faulhaber-Straße
Laudatorin: Nicole von Egloffstein, Kunsthistorikerin, Kunstführungen in der Pinakothek, München

Ich habe heute die Ehre und zugleich die Schwierigkeit, Ihnen die Malerei von Ingrid Schmidt vorstellen zu dürfen. Ehre deshalb, weil mich ihre Arbeiten rein subjektiv sehr stark ansprechen, mir persönlich einfach ganz besonders gut gefallen. Aber so einfach darf ich es mir als Kunsthistorikerin nicht machen. Es ist in unserem Fach nicht erlaubt, Bilder nur einfach "schön" zu finden; und genau da lag für mich die Schwierigkeit, bis ich am vergangenen Sonntag anlässlich eines Besuches bei Frau Schmidt die Gelegenheit hatte, einen Einblick in ihr beeindrucken abwechslungsreiches Arbeiten zu bekommen.

Da wurde mir klar, dass das Werk von Ingrid Schmidt durchaus mehr verdient, als eine reine Laudatio, die ihm ohnehin zusteht und die auch des öfteren bei Ausstellungen schon vorgetragen wurde. Am bekanntesten (und auch am meisten verkauft) dürfte die immense Zahl von virtuosen Aquarellen sein, die seit den achtziger Jahren geschaffen wurden: in dieser schwierigsten aller Techniken bewegt sich Ingrid Schmidt sicher und farblich äußerst vital in der Figuration von Architektur, Landschaft und raffinierten Detailstudien. Oft berührt sie auch in dieser Technik die Grenze des Gegenständlichen Abbildens, befreit die Farbe von ihrer Bindung an den Gegenstand, lässt sie selbständiges Element der Bildstruktur werden. Dennoch machen es einem die Aquarelle leicht, sich genüsslich fallen zu lassen in immer neue schöne Stimmungen der sichtbaren Welt.

Meine Überraschung beim Kennenlernen der anderen Aspekte des Oeuvres war deshalb so groß, weil ich ein so diszipliniert akademische Arbeiten, wie es zum Beispiel die Akte deutlich machen, nicht erwartet hätte. Hier offenbarte sich mir der Anspruch, den Ingrid Schmidt an ihre Malerei stellt:

Nicht zu verharren im grundsätzlich Gelingenden, was natürlich einfach wäre, Spaß und Erfolg bringt, sondern die eigenen Grenzen sowohl technisch wie auch thematisch immer neu zu suchen. Die Bildauswahl hier in der Bayrischen Vereinsbank verzichtet ganz bewusst auf Aquarelle und macht sich die auf den ersten Blick vielleicht weniger gefälligen Acrylbilder zum Thema. Auch hier zeigt sich Ingrid Schmidts Themenvielfalt zwischen Figuration und Abstraktion, doch meines Erachtens mit intensivem inhaltlichen Anspruch.

Im Gespräch mit ihr wurde mir klar, wie sie zu ihren Bildfindungen kommt: es geht ihr bei ihren Abstraktionen nicht um die Darstellung irgendwelcher äußerer Realitäten; die Bildharmonien, die Farbklänge erspürt sie durch ein intensives "Hören nach innen", es geht bei ihren Abstraktionen um die Darstellung einer inneren, rein subjektiven Realität, die nicht mit Formen der äußeren Realität wiederzugeben wäre.

Und hier kann ich nun endlich als Kunsthistorikerin ansetzen: obwohl zum Werk von Ingrid Schmidt noch keine historische Distanz vorhanden ist, fügt es sich doch beispielhaft in meines Erachtens die bedeutendste Theorie zur Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, Kandinskys "Über das Geistige in der Kunst" ein. Dieses Buch erschien 1910, gilt als die Quelle zum Verständnis der gegenstandslosen Kunst.

Die Parallelen im Vokabular Kandinskys, der auch stark die Verbindung von Malerei und Musik betont, der auch innere, geistige Wellte in Farben umsetzen wollte und mit seinen Bildern jedem Betrachter die Möglichkeit geben wollte, eigene "Eidetische" Bilder freizusetzen… all das verfolgt auch Ingrid Schmidt, ohne die Schriften Kandinskys gekannt zu haben. Auch ihre Abstraktionen haben kein allgemeingültiges Thema, sofort für jedermann in gleicher Weise und eindeutig erkennbar. Vielmehr wollen sie den Betrachter individuell zum Erspüren eigener innerer Realitäten anregen. So missionarisch, dogmatisch, kämpferisch Kandinsky 1910 diesen künstlerischen Anspruch formulierte, so selbstverständlich bescheiden erkläre mir Frau Schmidt, was sie mit ihrem Malen umsetzen möchte.

Die Suche nach ihrer eigenen "Inneren Notwendigkeit" lässt folglich dieses abwechslungsreiche, sich ständig weiterentwickelnde Werk entstehen und hoffentlich entsprechend weiter wachsen, als einen ehrlichen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst.

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