Ausstellung in Rom

Eröffnungsrede zur Ausstellung von Ingrid Schmidt Rom
16. September 2004 in Rom
Laudatorin: Dott. Marilisa Cuccia

INGRID SCHMIDT
Abstraktum und Wahrnehmung

Ich habe Ingrid vor ungefähr 20 Jahren kennen gelernt. Ich kam spätabends im Auto mit gemeinsamen Freunden in München an. Wir waren bei ihr zu Hause zu Gast und ich schlief in ihrem Atelier.

Man kann sagen, dass mein erster Kontakt zu ihrer Malerei durch den Geruch oder durch den Duft entstand: diese Mischung aus Herbem, aus Intensivem, aber auch aus Berauschendem, welche von den Farben ausgeht, blieb die ganze Nacht während des Schlafes an mir haften. Ich sah die Bilder nicht, denn sie lagen im Halbschatten, in einem Bereich des Studios, der wenig beleuchtet war.

Am darauf folgenden Morgen, als es nach und nach heller im Raum wurde, fing ich an die Farben, sowie kaum angedeutete Formen, fertig gestellte und kaum skizzierte Werke zu unterscheiden. Im Schlafanzug und barfuß ging ich neugierig zwischen ihren Gemälden umher, die in einer Ecke gelehnt standen, und nach und nach entdeckte ich, wer Ingrid Schmidt war...

Ingrid hat ein zartes Äußeres, aber sie steckt voller Energie. Sie erscheint sanft, aber das ist sie nicht immer. Ihre Schönheit trägt sie mit Unbefangenheit und sie bewegt sich mit Leichtigkeit, so dass es manchmal scheint, als würde sie tanzen; ihre Hände bewegen sich elegant in der Luft.

Sie ist im Jahre `44 in Hechingen geboren. Dieses Jahr ist ein wichtiger Schritt für ihre Reife, aber ihr Blick hat manchmal immer noch das Strahlen und das Staunen eines Jugendlichen. Es ist ebenso leicht eine Welle der Begeisterung an ihr wahrzunehmen, als auch eine durchdringende Härte und Entschlossenheit.

Ich glaube, dass Ingrid`s Leben immer eine fortwährende Suche nach Harmonie und Teilen, nach Ausdruck und Teilnahme war. So ist es kein Zufall, dass sie ein Diplom in Fremdsprachen erworben hat und somit in der Lage ist, sich mit Leichtigkeit in vier Sprachen zu verständigen. Obgleich sie sich nach ihrer Hochzeit im Jahre `71 mit größtem Eifer der Familie gewidmet hat, hat sie dennoch immer weiter studiert. Schon von Kindesbeinen an wurde sie in Malerei und Tanz unterrichtet; zwischen 1980 und 1990 widmete sie sich dem Musikstudium und unterrichtete danach sogar zehn Jahre lang Musik an der Musikschule in Friedrichshafen.

In diesen Jahren interessiert sie sich auch für Theater, aber die Malerei begleitet sie immer und die Musik ist in ihr. Sie trägt immer ihr Zeichenheft bei sich, sie notiert und hält ihre Eindrücke auf Papier fest, egal ob mit Bleistift, Tusche oder Pastellstift, sie zeichnet ihre Gedanken. Sie besucht die Sommerakademie in Salzburg, sie studiert in Trier, in Köln, an der  Artakademie in Österreich, am Kunstzentrum Verrocchio in Italien und auch an der Akademie Farbwerk Radegund in Österreich. Ihre Lehrmeister sind  u . a. : H. Nitsch, J. Allen, und K-H. Schönswetter..

Sie arbeitet sehr intensiv und schafft viel; von 1991 bis heute hat sie auf zahlreichen inter- nationalen Ausstellungen ausgestellt und erlangte Anerkennung in ganz Europa. Selbst in Italien hat sie zweimal ausgestellt, in Verona. Sie nahm auch mehrmals an Gruppen- ausstellungen im In- und Ausland teil. Von der Stuttgarter VBKW-Kommission wurde sie als Künstlerin anerkannt und geschätzt. Sie lebt und arbeitet zwischen Friedrichshafen am Bodensee und München in Bayern.

Ingrid`s künstlerischer Weg ist frei, die Kunst ist für sie Aufrichtigkeit , d.h. von nichts und niemandem abhängig zu sein. Sie folgt der großen Lehre von Wassily Kandinsky in seinem Buch „Über das Geistige in der Kunst“ von 1910. Sie glaubt an eine Kunst, die rein ist, die weder Kopie noch Darstellung, sondern Berufung ist.

Natürlich ist es einfach einen Gegenstand mehr oder weniger gut wiederzugeben, aber Ingrid dagegen versucht, indem sie tief in ihr Innerstes blickt, unaufhörlich ihre Gefühle zu vermitteln und ihre Seele darzustellen. Sie arbeitet, damit sich der Betrachter angeregt fühlt und Empfindungen bei ihm ausgelöst werden, die seine Fantasie erwecken

Das Jahr `95 ist, meiner Meinung nach, ein wichtiger Wendepunkt für Ingrid`s Arbeit: durch Zufall assistiert sie in Italien an einer Theateraufführung für Tanz und bleibt davon nachhaltig beeindruckt. Kaum ist sie wieder zurück in München, beginnt sie an der groß- artigen Trilogie mit dem Titel „Corpus rompu“ zu arbeiten: hier sieht man Erinnerungen von Henri Matisse aufkommen, der sagt, „das was ich suche ist die Ausdruckskraft“.

Ingrid gelingt es, in kaum angedeuteten Körperformen, die Bedeutung der Gestik in wenigen Zügen zu erfassen. Ihre Empfindung, bestehend aus Musik und Bewegung, drückt sich in großzügig angelegten Werken aus, die Energie und Gefühle vermitteln. Während aber hier noch die Figur zu erkennen ist, macht in einer nächsten Phase die Realität der Abstraktion Platz, wo sie fühlt, das beste ihres Talents und ihrer Gefühlswelt geben zu können.

Die Abstraktion der Realität lässt dem Betrachter Freiraum, um selbst zu fühlen und sich etwas vorzustellen. Jeder fühlt auf seine Weise: je weniger die Realität dargestellt wird, desto mehr gestattet man dem Betrachter ein Zeichen/einen Strich nach seinen Möglichkeiten zu interpretieren. Den Mut zu haben die Grenzen des Konkreten zu überschreiten, erlaubt es Ingrid Szenarien zu erschaffen und in spirituellen Welten umherzuschweifen, wie nur die Malerei und die Musik es können. Sie arbeitet mit Hingabe, fast bange, mit  Unruhe/Sehnsucht, sie hört nicht auf und lässt sich nicht ablenken. Sie ist so eingenommen und in Ihr Werk verwickelt, dass sie nicht davon loskommt bis es fertig gestellt ist.

Ihre Hauptmaterialien sind die Farben; sie benutzt sie genauso wie ein Musikkomponist die Noten benutzt, um eine Sinfonie zu schaffen. Wie in einer Sinfonie wechselt sich der melodiöse Leitfaden mit dem Kontrast von Kontrapunkt und Dissonanz ab, um sich in eine Harmonie zu verwandeln. Auf diese Weise stehen Wolken von unterschiedlichem Grau, die mit vollen oder ineinander- fließenden Blautönen durchzogen sind, im Gegensatz zu der Farbkraft der gelben, roten, rostbraunen oder goldenen Farbtöne. Der Gelassenheit setzt sich die Kraft entgegen, fast ein Zorn quasi, der sie sogar vergessen lässt, ihre Malpinsel zu benutzten. So geschieht es manchmal, dass Ingrid nicht malt, sondern die Acrylfarben, die Pigmente und die Farben in mehreren Lagen auf die Leinwand schleudert, sie fixiert, solange bis sie eine Konsistenz erhält, die starke materielle Empfindungen auslöst. So wird die Farbe zu etwas das man physikalisch anfassen und riechen kann und zu etwas, das den Betrachter in eine Emotion der Sinne verwickelt.

In der vollständigen Auflösung des Gegenstandes und der realen Vision, beginnt der Moment der Kommunikation des abstrakten Künstlers; d.h. dass eine Anregung der individuellen Wahrnehmung des Betrachters hervorgerufen wird.

Hätte Ingrid im Triptychon „Die Ernte“ eine bildliche Szene mit tausend Ähren gemalt, mit einer Ähre im Vordergrund und sogar mit einer oder mehrerer Figuren, die die Ernte einholen, hätte dies meine Empfindungen begrenzt und sie an die Grenzen meiner Vorstellungskraft getrieben. So jedoch fühle ich mich vor dem gelben Triptychon als würde ich am Rande eines Weizenfeldes stehen, als würde  ich meine Augen in einer von grellem Licht eingehüllten Welt halb schließen,  und es bleibt in mir eine fortwährende Vision von gelb, von sehr viel gelb zurück. In diesem Gelb fühle ich die wärmenden Sonnenstrahlen eines Sommernachmittages, ich rieche den Duft der Wärme auf den Erdschollen eines Feldes und lausche der Stille, die nur durch den Gesang der Zikade unterbrochen wird. Ich spüre die Spitze der stechenden Ähre, ich schmecke die Trockenheit, erinnere mich an Situationen und wandle in einer Art Zauber, der dem der Musik ähnelt.

Vielleicht ist es sogar Musik.

Marilisa Cuccia
Rom, 16. September 2004

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